Auf alten Wegen durch den Spessart

Wandern in der Kulturlandschaft

Auf alten Wegen durch den Spessart

Wandern ist in - und Kulturlandschaft ist in den letzten Jahren ein großes Thema geworden. Was liegt daher näher, als beides miteinander zu verbinden. Natürlich wandern wir zwangsläufig durch unsere Kulturlandschaft, doch macht es einen großen Unterschied, ob man dies mit offenen Augen tut und den Reichtum dieser Landschaft wahrnimmt. Dazu muss man sich zuerst bewusst machen, wie vielgestaltig und aufregend unsere gewachsene Kulturlandschaft ist, dass man mit einem geschulten Auge darin lesen kann wie in einem Buch. Ausgeschilderte Wanderwege zu interessanten Themen, Faltblätter und geschulte Führer helfen dem Wanderer dabei, wecken sein Interesse und öffnen die Augen für die zahlreichen Spuren der Geschichte in der Landschaft.

Als Beispiel soll hier der Spessart dienen, in dem in den vergangenen Jahren über 60 Kulturwege entstanden sind. Sie alle wurden unter der Mitarbeit von vielen Bürgern aus der Region zusammen mit dem Archäologischen Spessart-Projekt (einer Ortsgruppe des Spessartbundes) entwickelt. Zugleich entstanden zwei Qualitätswege, die den Spessart von Nord nach Süd und von Ost nach West durchziehen. In Zusammearbeit mit dem Tourismus wurden sie vom Spessartbund erarbeitet und durch den deutschen Wanderverband zertifiziert. Gemeinsam bieten diese Wege ein einmaliges Angebot, mit dem die Kulturlandschaft Spessart erschlossen wird. Durch geschulte Wanderführer werden die Wege belebt, Aktionen der einzelnen Ortsgruppen des Spessartbundes, von Heimat- und Geschichtsvereinen und Arbeitsgemeinschaften in den einzelnen Gemeinden sorgen für eine rege Tätigkeit entlang der Wege. Der Tourismus hat diese Initiative inzwischen dankbar aufgegriffen und die Wege haben sich zu einer wertvollen Basisstruktur für den Spessarttourismus entwickelt.

Dies mag auf den ersten Blick überraschen, gilt der Spessart in der allgemeinen Wahrnehmung ja nicht gerade als Musterbeispiel einer historisch gewachsenen Kulturlandschaft mit reicher Geschichte. Im Gegenteil: der Spessart hat das Image von Wald, Armut und Räubern, er gilt als eine Landschaft ohne nennenswerte Geschichte, spät besiedelt, immer arm, nie von großer wirtschaftlicher Bedeutung. Die Forschungen des Archäologischen Spessart-Projekts haben allerdings mit diesem Klischee gründlich aufgeräumt. Der Spessart hat in den letzten Jahren in Kooperation mit zahlreichen Universitäten und Forschungsinstituten seine Geschichte wieder gefunden. Er kann damit als Musterbeispiel für alle Mittelgebirgsregionen in Deutschland gelten. Schließlich teilen diese Regionen das Schicksal des Spessarts. Sie gehörten alle im 19. Jahrhundert im zu den Verlierern der Industrialisierung und verarmten bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Diese Epoche der Armut überlagert die reiche Vergangenheit und Tradition dieser Regionen. Doch gerade aus diesem Widerspruch heraus haben sich in den Mittelgebirgsregionen die ersten Wandervereine und Wanderverbände gegründet, sind sie bis heute das Herzstück der Wanderbewegung.

Diese schwierige Geschichte hat auch dazu geführt, dass die Spuren der Vergangenheit in den dicht bewaldeten Mittelgebirgen nicht ganz einfach zu finden sind. Die Landschaft wurde in den vergangenen Jahrhunderten mehrmals stark überformt, die Aufforstungsmaßnahmen, die im Spessart schon im 18. Jahrhundert begannen, haben zusammen mit dem Ende der landwirtschaftlichen Nutzung der eher unwirtlichen Mittelgebirge in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer heute wieder weitgehend geschlossenen Walddecke geführt. Darunter sind die Spuren der Geschichte zwar einerseits gut erhalten, andererseits aber auch gut versteckt. Allerdings können bei genauerem Hinsehen selbst die Bäume eine Geschichte der Landschaft erzählen.

Lichteichen und Lichtbuchen finden sich etwa an vielen Stellen im Spessart. Ihre dicken Stämme, tiefen Astansätze und ihre knorrige Gestalt zeugen davon, dass sie in einer offenen Landschaft gepflanzt wurden, die einst von Viehzucht und Weidewirtschaft geprägt war. Dazwischen stehen Nadelbäume, die in den systematischen Wiederaufforstungen seit dem 18. Jahrhundert gepflanzt wurden. Eigentlich sollten sie später durch Buchen und Eichen ersetzt werden, die forstlich gepflanzt und gepflegt als wertvolles Holz die Kassen der Waldbesitzer und des Staates füllen sollten. An vielen Stellen war aber der Boden so stark erodiert und abgebaut, dass dieser Wunsch sich nicht umsetzen ließ. An anderen Stellen zeugt die Verbuschung der Landschaft von der Aufgabe der Landwirschaft seit den 1960er Jahren.

In praktisch allen Spessarttälern finden sich die auf den Hängen die Kanäle und auf den engen Talböden die Buckel der einstigen Wässerwiesen. In Urkunden lässt sich die Wiesenbewässerung schon im Mittelalter vor über 500 Jahren nachweisen. Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte sie einen massiven Aufschwung und selbst die kleinsten und engsten Täler wurden zur Produktion von Heu für das Vieh genutzt. Die überaus arbeitsintensive und mühsame Bewässerung der Wiesen erlaubte es, ein bis zwei zusätzliche Heuernten pro Jahr einzufahren. Die Regelung der Wasserzufuhr wahr bis ins kleinste Detail geregelgt - und führte immer wieder zu Streitigkeiten, die ihren Niederschlag in Gerichtsprotokollen und Urkunden fanden.

Wasser gehörte überhaupt zu den wichtigsten Ressourcen. Nicht nur zur Bewässerung der Wiesen, sondern auch als Energiequelle und Verkehrsweg. Mit dem Wasser der Bäche und Flüsse wurden zahllose Mühlen betrieben, die keineswegs nur zum Mahlen des Getreides dienten. Die Mehrzahl der Mühlen betrieben Sägewerke, Pochwerke für die Erzverarbeitung, waren Walkmühlen, dienten der Herstellung von Farben und in Kaisers Zeiten belieferten die Senfmühlen in Frammersbach etwa die Speisewagen der Reichsbahn im ganzen Deutschen Reich.

Neben dem Wasser war Holz der wichtigste Rohstoff. Holz wurde durch die Köhler zu Holzkohle verarbeitet, um damit Erze zu schmelzen und Metalle zu verarbeiten. Das Holz diente zur Glasproduktion und als Brennmaterial zum Heizen ebenso wie für Bäcker, Töpfer, Ziegler und Kalkbrenner. Es war wertvolles Baumaterial und wurde bis nach Holland transportiert, in Form riesiger Flöße die sich den Main und Rhein abwärts bewegten. Aus Spessarteichen wurden Schiffe und Häuser gebaut, und Amsterdam steht auf einem Wald aus Spessarteichen - die mit zu dem gewaltigen Rost aus abertausenden von Stämmen beitrugen, auf denen die Häuser auf dem feuchten Boden Amsterdams errichtet wurden.

Wie alle Mittelgebirge ist der Spessart reich an armen Rohstoffquellen. So finden sich hier Salz, Eisen, Silber, Kupfer, Schwerspat, Ton, Quarzsand und viele Mineralien. Als Baumaterial fand der rote Sandstein aus dem Spessart Verwendung im Schloss von Aschaffenburg ebenso wie im Dom von Mainz. Die meisten dieser Vorkommen waren aber nicht so reich, dass sie auch unter den Bedingungen der Industrialisierung noch gewinnbringend abgebaut und verarbeitet werden konnten. In den Jahrhunderten davor lieferten sie jedoch die Grundlage für eine florierende Wirtschaftsstruktur, die den Spessart zu einer bedeutenden Einnahmequelle für die Erzbischöfe von Mainz, die Fürstbischöfe von Würzburg, die Grafen von Rieneck und die Grafen von Hanau machten, um nur einige der Herren zu nennen, die von diesem Reichtum profitierten.

Zugleich war der Spessart zu allen Zeiten eine wichtige Verkehrslandschaft. Noch heute durchzieht in mit der A3 die meist befahrene Autobahn Deutschlands, verlaufen durch den Spessart und durch die ihn begrenzenden Täler des Mains und der Kinzig wichtige Eisenbahnlinien, Autobahnen und Bundesstraßen. Die vielen Funde von Steinbeilen sowie die langen Reihen von Hügelgräbern aus verschiedenen Perioden der Vorgeschichte zeigen, dass der Spessart schon vor Jahrtausenden eine viel begangene Landschaft war. Auf der Heerstraße und der Königsstraße bewegten sich die Kaufmannszüge des Mittelalters von Nürnberg und Augsburg zu den Messen nach Frankfurt oder Leipzig. Später übernahm die Postchaussee die Rolle als wichtigste Straße für den Personenverkehr, während die Birkenhainer Straße den schweren Fuhrwerken und den riesigen Ochsen-Tracks aus Ungarn nach Frankfurt diente. Der Main blieb zu allen Zeiten wichtiger Verkehrsweg. Nicht umsonst bestand schon vor über 1000 Jahren eine Zollstation in Aschaffenburg und ließ Erzbischof Willigis von Mainz hier im 10. Jahrhundert eine erste Brücke über den Main schlagen.

Auf manchen der alten Verkehrswege liegen auch heute noch die Trassen der Autobahnen und der Eisenbahn. Andere wichtige Altstraßen, wie der Eselsweg, auf dem etwa das Salz von Bad Orb an den Main bei Miltenberg transportiert wurde, die Birkenhainer Straße, oder der Kurfürstenweg, auf dem seit dem 16. Jahrhundert die Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz von Aschaffenburg nach Lohr zogen, um die Huldigung ihrer Untertanen entgegen zu nehmen, sind heute beliebte Wanderwege. Viele alte Wege werden gerade neu entdeckt, etwa die Pilgerwege, nicht zuletzt dank der starken Bewegung der Jakobswege, aber auch alte Kirchwege oder die so genannten Judenwege. Auf den Kirchwegen mussten in der Vergangenheit die Bewohner jener Dörfer ohne eigener Pfarrkirche zu den fernen Pfarrkirchen ziehen, die für sie zuständig waren. Selbst wenn die Dörfer längst eigene Kirchen gebaut hatten, mussten zumindest die Toten noch auf den alten Friedhof gebracht werden, solange diese Kirchen kein eigenes Pfarrrecht hatten. Die Kirchwege verbanden daher viele Dörfer miteinander, dienten im 19. Jahrhundert auch als Schulwege und gerieten schließlich in Vergessenheit, als sie nicht mehr gebraucht wurden. Die Judenwege dienten teilweise einem ähnlichen Zweck, da die Juden nur in wenigen Gemeinden eigene Friedhöfe anlegen durften, und daher ihre Toten oft noch viel weiter transportieren mussten, als ihre christlichen Mitbürger. Im Spessart war jedoch auch der Viehhandel lange Zeit in den Händen jüdischer Viehhändler - daher tragen viele Wege, auf denen das Vieh getrieben wurden den Namen Judenweg, die Brunnen, die der Viehtränke dienten, wurden als Judenbrunnen bezeichnet.

Viele dieser alten Wege werden heute wieder entdeckt und als Wanderwege genutzt. Sie sind in das Kulturwegenetz im Spessart eingebunden. Entlang der Wege lassen sich die Spuren der Geschichte entdecken und spannende Geschichten erzählen. So hat jeder Kulturweg im Spessart sein eigenes Thema, widmet sich etwa der Jagd, der Forstwirtschaft, den Glashütten, der Köhlerei, den Fernwegen, dem Handel, dem Bergbau, den Wässerwiesen, aber auch besonderen Gestalten und Ereignissen der Lokalgeschichte wie des großen Weltgeschehens - seien es die großen Kriege, Pestepidemien, oder die Frammersbacher Fuhrleute, die Brummifahrer des 16. Jahrhunderts, auf deren Fuhrwerken die Fugger und Welser ihre Güter quer durch Europa transportieren ließen - nicht zuletzt auf den Straßen durch den Spessart. Die Vielfalt der Themen scheint geradezu grenzenlos, und trotz der großen Zahl der Kulturwege, hat jeder Weg seinen eigenen Schwerpunkt. So kann der versierte Wanderer auf stets neuen Wegen immer neues entdecken, und dabei eine Landschaft in all ihren Aspekten erleben. Wer neugierig geworden ist, kann sich auch virtuell auf Wanderschaft begeben, auf den Datenautobahnen unserer Zeit, unter www.spesssartprojekt.de.