Kulturlandschaft Spessart

Der Spessart ist eine typische Mittelgebirgslandschaft im Herzen Deutschlands. Heute präsentiert sich der Spessart als eines der größten geschlossenen Waldgebiete in Deutschland. Dies entspricht ganz seinem Namen, der im mittelalterlichen Deutsch nichts anderes bedeutet, als Wald der Spechte. Wie viele Mittelgebirge hat auch der Spessart im 19. und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein eine Periode tiefer Armut erlebt. Dies hat das Image des Spessart geprägt, das von Armut, Wald und den berühmten Spessarträubern bestimmt wird, die durch Wilhelm Hauffs Märchen "Das Wirtshaus im Spessart" und den gleichnamigen Film aus den 50er Jahren populär wurden. Dieses Bild hat sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingeprägt, dass es von Einheimischen wie Touristen gleichermaßen geteilt wird.

Tatsächlich ist der Spessart in Wahrheit jedoch eine reiche Kulturlandschaft, die schon vor etwa acht Jahrtausenden in der Jungsteinzeit von den ersten Bauern aufgesiedelt wurde. Der Spessart ist wird von bedeutenden Fernhandelswegen durchzogen und mit bildete mit seinen natürlichen Ressourcen wie Holz, Salz, Erze und Mineralien für Jahrhunderte einen bedeutenden Wirtschaftsraum. Diese reiche Vergangenheit wird durch die negativen Entwicklungen der Industrialisierung überdeckt, in der die meisten Mittelgebirgsregionen Europas zu den Verlierern der neuen Zeit zählten. Die vielen, aber nie sehr bedeutenden, Rohstoffvorkommen, hatten durch Jahrtausende eine lokale und regionale Wirtschaftsstruktur getragen, die jedoch mit den modernen Industriezentren nicht mithalten konnte, wo Produkte hoher Qualität besser und sehr viel billiger produziert werden konnten. Dank neuer Transportmittel konnten diese Massenprodukte aus den Industriezentren nun auch billig in die entlegensten Gegenden gebracht werden, wo sie die lokale Produktion verdrängten - Globalisierung ist keineswegs eine Erfindung des 21. Jahrhunderts.

Der Spessart wurde zu einer Randregion, und die berühmte Studie Rudolf Virchows zur Not im Spessart dominiert bis heute das Bild dieser Landschaft so erfolgreich, dass selbst viele Historiker und Archäologen den Spessart aus dem einfachen Grund links liegen ließen, weil doch jeder wusste, wie wenig diese Region zu bieten hatte. Die systematische Wiederaufforstung seit dem 18. Jahrhundert führte zu einer Landschaft, die heute wieder dicht bewaldet ist.

Natürlich war der Spessart formal gesehen immer eine Randlandschaft, da er am Rande des Rhein-Main-Gebiets liegt, einem der wichtigsten Zentren der Wirtschafts- und Finanzwelt in Deutschland mit einer langen Tradition und Geschichte. Der Spessart wurde immer von außen dominiert, von Entwicklungen auf die die Menschen im Spessart kaum Einfluss nehmen, sondern auf die sie nur reagieren konnten. So war die bedeutende Glasproduktion im Spessart abhängig vom holländischen Markt. Jede Veränderung des Konsumentenverhaltens in den Niederlanden wirkte sich direkt auf die Produzenten im Spessart aus. Diese hingen auch vom Geld der Frankfurter Banker und Kaufleute ab. Als der Mainzer Erzbischof als Landesherr um 1700 beschloss, zu Gunsten einer staatlichen Produktion die privaten Glashütten zu bekämpfen, so war dies das Ende der privaten Glasproduktion. Die Frammersbacher Fuhrleute profitierten von der Verlegung bedeutender europäischer Handelsrouten im Gefolge der Hussitenkriege, die Böhmen verwüsteten und die alten Handelswege unpassierbar machten. Obwohl die Frammersbacher Fuhrleute wohlhabend wurden und sogar ihr eigenes Zunfthaus in Antwerpen unterhielten, blieben sie doch stets abhängig von den großen Zünften in Nürnberg und den großen Handelsdynastien, wie den Fuggern in Augsburg. Als neue Technologien die Pferdefuhrwerke ablösten verloren sie ihr Geschäft an die Eisenbahn und Flussschifffahrt.

Die Randlage bedeutet jedoch nicht, dass der Spessart keine Zeiten wirtschaftlicher Prosperität und relativen Wohlstandes erlebte. Steuerlisten des Erzbistums Mainz aus dem 16. Jahrhundert führen eine Reihe von Spessartdörfern unter den reichsten Gemeinden auf. Im Hochmittelalter konnten Adelsfamilien der Region, wie die Grafen von Rieneck oder die Herren von Düren, die besten Dichter ihrer Zeit, etwa Wolfram von Eschenbach oder Konrad von Würzburg, engagieren, um die eigene Familie zu verherrlichen. Der Spessart ist voller Überreste einer reichen und vielgestaltigen Vergangenheit, mit all ihren Höhen und Tiefen, doch dominiert die jüngste Schicht der Armut im Spessart die Wahrnehmung dieser Landschaft sowohl in der Innen- als auch der Außensicht. Moderne Verwaltungsstrukturen haben zu diesem Trend beigetragen. Der Spessart ist heute zwischen zwei deutschen Bundesländern geteilt: Bayern und Hessen. Dank des streng föderalen Systems in Deutschland hat sich diese Grenze als sehr wirksam erwiesen. Verwaltungsmäßig gliedert sich der Spessart in vier Landkreise und eine kreisfreie Stadt auf, von denen keiner ausschließlich im Spessart liegt.

Der Spesssartbund als größter Kulturträger der Region gehört zu den wenigen Organisationen, die im gesamten Spessart ohne Rücksicht auf die Landes- und Verwaltungsgrenzen tätig ist. Schon die Väter der Wanderbewegung im Spessart, wie etwa Dr. Karl Kihn, haben vor über 100 Jahren den Spessart als Einheit gesehen und sich für die kulturgeschichtliche Erforschung, die Pflege von Traditionen und Brauchtum, den Schutz der Natur, sowie die Stärkung des Tourismus und der Wirtschaft im Spessart eingesetzt. Diesen Zielen fühlt sich der Spessartbund, gerade in seiner Kulturarbeit, bis heute zutiefst verpflichtet.